Von der Muse zur Medusa - Costanza Bonarelli

Kaum ein anderer hat das barocke Gesicht der Ewigen Stadt so geprägt wie Gian Lorenzo Bernini (1598 - 1680). Zusammen mit seinem Förderer und Dauerauftraggeber Papst Urban VIII. hat der Künstler der Nachwelt so einiges an Prächtigem hinterlassen: im Petersdom den Hochaltar, davor den Platz mit seinen Kolonnaden. Den Vierströmebrunnen auf der Piazza Navona. Die Skulptur des Davids in der Villa Borghese. Nur um einen winzig kleinen Bruchteil seines Schaffens und Könnens zu erwähnen.

 

 

Eine der wohl persönlichsten Arbeiten Bernini´s ist allerdings nicht in Rom, sondern in einem Museum in Florenz zu bewundern. Die Büste einer jungen Dame. Ihr Haar ist in Unordnung geraten, ihre Lippen sind lasziv und gleichzeitig verwundert geöffnet, die obersten Knöpfe ihrer Bluse stehen auf. Entstanden ist dieses Werk im Jahr 1636, kurz nachdem Bernini die Arbeiten am Hochaltar im Petersdom abgeschlossen hatte. Der Name der Dame, die da in einem offensichtlich sehr intimen Moment in Stein gemeißelt wurde, lautet Costanza Bonarelli.

 

Die junge Dame war nicht nur Berninis Geliebte sondern pikanterweise auch die Gemahlin des Bildhauers Baldinucci, einem Schüler und Mitarbeiter Berninis. Costanza arbeitete in der Werkstatt ihres Mannes und man sagte ihr ein gewisses Geschick im Kunsthandel nach. Ein wenig ungeschickt zeigte sich Costanza jedoch definitiv in Bezug auf ihre Männerwahl. Als der schwerverliebte Gian Lorenzo Bernini eines Tages zu seiner Geliebten eilte, traf er sie mit einem anderen Mann an. Nicht mit ihrem Angetrauten, sondern mit Berninis jüngeren Bruder Luigi. Was dann folgte war ein handfester römischer Skandal. Der völlig in Rage geratene Gian Lorenzo gab vor, Rom für eine Weile verlassen zu wollen. Was er jedoch nicht tat! Stattdessen lauerte er seinem jüngeren Bruder auf, um ihn zu erstechen, während gleichzeitig einer seiner Diener auf dem Weg war, um Costanza das schöne Antlitz mit einem Messer zu verunstalten. Gott sei Dank kam es weder zu dem einem noch zu dem anderen, sondern nur zu unschönen Szenen und heiklen Verwicklungen, in die auch der Papst geriet, der seine schützende Hand über Gian Lorenzo Bernini hielt. Am Ende der amourösen Verwicklungen blieb Costanza bis zu ihrem Tode 1662 bei ihrem Mann, während Bernini 1641 Caterina Tezio heiratete, mit der er 11 Kinder haben sollte. Der zahlreiche Nachwuchs scheint den Künstler jedoch nicht über die Affäre und deren unschönen Ausgang hinwegtrösten zu können. Zwischen 1644/48 erschuf Bernini eine Büste der Medusa, deren Gesichtszüge unter all dem Schlangenhaar verdächtig starke Ähnlichkeit mit seiner einstigen Geliebten Costanza Bonarelli aufweist. Die künstlerische Aufarbeitung der pikanten Vierecks-Beziehung ist übrigens in den Kapitolinischen Museen zu bewundern. 

 

Costanza in den Kapitolinischen Museen

Wer Costanza Bonarelli einmal als Medusa gegenüberstehen möchte, begibt sich hierfür in eines der ältesten Museen der Welt. In die Kapitolinischen Museen, deren Anfänge bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen und die auf dem namensgebenden Kapitolshügel thronen. Auf einem Platz, den der Meister der Renaissance, Michelangelo ,entworfen hat. Am Kopf des Kapitolplatzes befindet sich das römische Rathaus, in den prachtvollen Palästen rechts und links, im Konseveratorenpalast und im Neuen Palast, residiert das Museum. Verbunden sind die beiden Gebäude mit einem unterirdischen Gang, der auch zum Tabelarium, dem antiken römischen Staatsarchiv, führt. Noch heute hat man aus dem offenen Gewölbegang einen phantastischen Blick auf das Forum Romanum.

Eine Stippvisite bei den Kapitolinischen Museen lohnt sich übrigens nicht nur wegen Bernini´s Medusa-Interpretation von Costanza Bonarelli! In der umfangreichen Kunstsammlung befinden sich einige "Sahnestückchen" wie zum Beispiel das Reiterstandbild von Marc Aurel, oder zwei Gemälde des barocken Malers Caravaggio. Zwei Stunden sollte man mindestens für all die beindruckenden Säle und Stockwerke einplanen. Auch einen Abstecher in die museumseigene Cafeteria darf ich empfehlen. Gerade im Sommer lockt die Caffarelli Terrasse mit einem herrlichen Ausblick auf Rom. Die Cafeteria ist übrigens auch ohne Museumsbesuch durch einen Seiteneingang an der Piazza Caffarelli erreichbar. 

Musei Capitolini, Piazza del Campidoglio 1, 9.30 - 19 Uhr, AUCH MONTAGS GEÖFFNET! 

Caffeteria, Piazzale Caffarelli 4, 9.30 - 19 Uhr 

Noch mehr Frauen im Leben von Gian Lorenzo Bernini

In Rom sind noch zwei weitere Frauen zu bewundern, die Dank der begabten Hände Gian Lorenzo Berninis, der Nachwelt bildlich erhalten geblieben sind. Beide in lasziv anmutenden Posen und entrücktem Gesichtsausdruck, die den Verdacht schüren, dass auch hier die Beziehung zwischen Künstler und Modell enger hätte sein können, als es schicklich gewesen wäre. Aber jeder zweideutige Gedanke ist hier Fehl am Platz. Bei den Damen handelt es sich um wahre Heilige!

Ludovica Albertoni

 

Zu ihren Lebzeiten widmete sich Ludovica Albertoni (1474 - 1533) - eine sehr fromme, römische Adlige - dem Gebet und den Armen der Stadt. Nach ihrem Tod wurde sie selig gesprochen. Der Auftrag für die Fertigung eines marmornen Grabmals ging an Gian Lorenzo Bernini Die Skulptur zeigt Ludovica auf ihrem Totenbett im Augenblick ihres Todes, auch wenn die Körperhaltung ganz anderes vermuten lässt. Im Stadtteil Trastevere liegt die kleine und ruhige Kirche San Francesco a Ripa (Piazza di San Francesco d`Assisi, 7 bis 13 Uhr und 14 bis 19.30 Uhr), in der man Ludovica besuchen kann. 

Heilige Theresa

Was Gian Lorenzo wohl während des Entstehungsprozesses (1647 - 1652)der Skulptur der Heiligen Theresa durch den Kopf gegangen sein mag? Vielleicht ebensolche Gedanken, die einen beim Anblick des Marmorensembles unwillkürlich beschleichen? Mit einem tiefen Seufzer auf den Lippen räkelt sich die Heilige Theresa auf einer Wolke. Vor ihr steht ein lächelnder Engel, bereit dazu den Pfeil in seine Hand in Theresa zu bohren. Eines steht fest: Bei seiner Arbeit hat Bernini nicht seiner Phantasie freien Lauf gelassen, sondern sich an die Schilderungen der Heiligen selbst gehalten. In einer Vision war Theresa einem Engel begegnet, der mehrfach mit einem Pfeil in ihr Herz stieß. Eine süße und gleichzeitig schmerzhafte Erfahrung... Bei all den doppeldeutigen Bildern und daraus resultierenden Gedanken, sollte man jedoch nicht den religiösen Ernst der Situation für alle Beteiligten verkennen. Theresa von Ávila (1515-1582)wurde gegen den Willen ihrer Familie Ordensschwester. Ihre innigen Gespräche mit Engeln, ihre göttlichen Visionen, machten sie zu einer der bedeutendsten Mystikerinnen aller Zeiten. 1622 wurde sie heilig gesprochen. Später zu Schutzheiligen Spaniens ernannt und 1970 erhielt sie als erste Frau den offiziellen Titel der katholischen Kirche "Kirchenlehrerin" verliehen.

Als nach der Enthüllung der fertigen Skulptur das Publikum mit reichlich Empörung auf die erotische Note reagierte, konterte Bernini mit Unverständnis. Immerhin hatte er die Heilige während ihrer Transverberation dargestellt. Um keinerlei Zweideutigkeiten aufkommen zu lassen: Transverberation steht für Durchbohrung des Herzens. 

Kirche Santa Maria della Vittoria (7 - 12 Uhr, 12.30 - 19 Uhr, Via XX Septembre 17, ganz in der Nähe der Piazza della Repubblica