La Spezia - Die Unterschätzte Nachbarin der Cinque Terre

Eine ganze Woche habe ich in La Spezia an der ligurischen Küste ganz nah an der Toskana verbracht und Euch acht gute Gründe mitgebracht, aus denen Ihr einen Trip an den Golf der Poeten ins Auge fassen solltet. 

1. Schöner Wohnen mit Familienanschluss 

Erst meine Online-Recherche nach einer passablen Unterkunft irgendwo in Ligurien hat mich überhaupt nach La Spezia geführt. Dem hübschen 70 qm Apartment samt geschmackvoller Einrichtung und kleinem Garten mitten in der Stadt konnte ich einfach nicht widerstehen. In Bezug auf die Auswahl unserer Hotels und Apartments hatte ich in Italien bisher immer großes Glück. Und auch dieses Mal waren weder die Fotos geschönt noch die Beschreibungen maßlos übertrieben. Neben einer Ausstattung, die keine Wünsche offen ließ und einer sensationellen Lage entpuppten sich am Ende jedoch die Besitzer, Giancarlo und Anna Maria, als eigentliches Highlight der Location. Das Ehepaar lebt mit im Haus, das ingesamt zwei Ferien-Apartments beherbergt. Giancarlo ist um die 80 Jahre alt, fährt 100 km Fahrrad am Stück und liest seinen Gästen jeden Wunsch von den Lippen ab. Wenn er sie denn versteht. Englisch spricht keiner von beiden. Bei Übersetzungsproblemen, die nicht mit Händen und Füßen zu lösen sind, springt ein Sohn per WhatsApp ein. Der ist ein in Italien einigermaßen bekannter Rock'n Roller, beantwortet jedoch trotzdem gerne Fragen rund ums Thema Handtücher und Ausflugstipps. Wenn Ihr des Italienischen oder Französischen mächtig seid, werdet Ihr auf jeden Fall ganz viel Spaß mit Giancarlo und Anna-Maria haben. Meinen Angetrauten hat Gianmarco zum Beispiel gerne Gesellschaft im Garten geleistet, wenn ich anderes zu tun hatte und zum Abschied wurde noch unsere Windschutzscheibe vom Hausherrn persönlich gewienert. An dieser Stelle noch einmal viele Grüße an Gianmarco und Anna Maria. Wir kommen bestimmt wieder!

!!!!Casa Anna Maria in La Spezia!!!!

 

2. Die Cinque Terre liegen direkt um die Ecke 

Die fünf famosen Küstendörfer sind direkte Nachbarn von La Spezia. Von hier aus kann man die Sehnsuchtsziele vieler Touristen mit dem Boot (Bus zum Hafen fährt quasi vor Haustüre ab oder Gianmarco hat Zeit und chauffiert seine Gäste) oder der Bahn (Bahnhof 20 Minuten von Apartment zu Fuß entfernt) erkunden. Wir haben uns die Cinque Terre übrigens erspart. Im Juni ist dieser weltberühmte Küstenabschnitt von Ligurien einfach hoffnunglos überlaufen. CNN hat Anfang des Jahres 12 Orte gekürt, die man 2018 meiden sollte. Darunter wegen unerträglicher touristischer Überfüllung Venedig und die Cinque Terre. Ein schwedisches Ehepaar, das in dem zweiten Apartment gewohnt hat, ist trotzdem hingefahren. Zuerst mit dem Boot, dann ein Stück zu Fuß und anschließend zurück mit dem Zug nach La Spezia. "Crowdy" sei es gewesen. Besonders viele Japaner und Chinesen hätten sich durch die Dörfer gedrückt. Außerdem hätte es Stau auf dem Wanderweg gegeben.

 

Anna Maria hat uns drei Tipps mit auf den Weg gegeben,wie und wann man die Cinque Terre etwas individueller zu Gesicht bekommt: 

1. Wer kann macht zwischen Ostern und Oktober einen Bogen um die Dörfer!

2. Wer nicht kann, macht auf jeden Fall am Wochenende und rund um Ostern, im Juli/August einen Bogen um die Dörfer!

3. Montag und Dienstag sind ganz gute Tage, weil die riesigen Kreuzfahrer erst ab mittwochs in La Spezial anlegen und Tausende von Touristen ausspucken. 

Blick auf die Küste von Portovenere aus - Um die nächste Ecke liegen auch schon die Cinque Terre
Blick auf die Küste von Portovenere aus - Um die nächste Ecke liegen auch schon die Cinque Terre

3. La Spezia ist herrlich normal 

Wer klischeehafte Italo-Romantik sucht ist in La Spezia nicht gut aufgehoben. Schiefe Türme, Amphitheater und weltberühmte Museen sucht man hier auch vergebens. Wer jedoch pure italienische Alltagskultur unter Ausschluss der touristischen Öffentlichkeit mag, ist in der 100.000 Einwohner-Stadt genau richtig. Das Beste an jedem Urlaubs-Morgen war unser Ausflug zur nahegelegenen Bar, in der es neben Cornetto und Cappuccino tiefe Einblicke ins Leben der La Spezianer gab.

 

Sensationell ist der überdachte Mercato (Corso Cavour 416), der täglich stattfindet. Und wer freitags in der Hafenstadt weilt sollte sich den Mercatino in der Nähe nicht entgehen lassen. Die unzähligen Stände quellen über vor Klamotten, Schuhen, Handtaschen und Schmuck.  Wer dann immer noch nicht genug hat bummelt über die Einkaufsstraßen Via del Prione oder Corso Cavour. Schattiges Bummeln ist auf der Via Domenico Chiodo unter langen Arkaden angesagt. Grundsätzlich hat mir der Flair der Stadt unheimlich gut gefallen. Ein angenehmer Mix aus einem Hauch Toskana mit einem überraschend großen Schuss Neapel. Der Verkehr läuft anständig, die Mülltrennung scheint bis ins Detail perfektioniert. Im Gegenzug dafür sind die Straßen und Häuser nicht so toskanisch zurechtgemacht und die Einwohner von La Spezia scheinen einen doch eher süditalienischen Lebensstil zu bevorzugen. Die Menschen sind nicht so direkt und laut wie in Neapel. Während man als Fremder in Süditalien oft erst einmal misstrauisch beäugt wird, stösst man hier auf neugieriges und höfliches Interesse. 

 

4. Der Hafen von La Spezial bietet tolle Ausblicke 

Hohe Berge, die hinter riesigen Hafenkränen in den Himmel stechen. Schaukelnde Fischerboote. Noble Yachten. Viele Palmen und blühender Oleander. Entsetzlich große Kreuzfahrtschiffe. Grüne Hügel. Graue Marineschiffe. Das alles und noch viel mehr hat der Hafen von La Spezial zu bieten. Die ligurische Küstenstadt liegt in einem fjordähnlichen Golf und ist Italiens zweitgrößter Marinestützpunkt. Cafés und Restaurants gibt es am Hafen nur wenige. Allerdings kann man hier bei einem Abend-Spaziergang über die von Palmen gesäumte Promenade auslaufende Kreuzfahrer oder ankommende Yachten samt deren schicken Besitzer in aktueller italienischer Designer-Mode bestaunen. 

Wer Fisch mag muss unbedingt im Imbiss mit Sitzgelegenheit des Fischereikonsortiums "Dei Pescatori" vorbeischauen. Hier bilden sich jeden Abend lange Schlangen. Zu essen gibt es Fangfrisches aus dem Meer. An dem Plastikgeschirr stört sich hier niemand. Anschließend empfehle ich einen Absacker  am Kiosk "Chiosco delle Palme" mit Blick auf die Anlegestelle der Touristenboote. 

5. Tolle Fassaden und Balkone!

Während unserer vier Jahre in Rom hat uns kein Italiener jemals den Tipp gegeben, nach La Spezia zu fahren. Die Industrie- und Hafenstadt gilt optisch als wenig ansprechend. Wer aber den Kopf ein wenig in den Nacken legt bekommt tolle Ausblicke auf bunte Fassaden und wunderschöne Balkone geboten. Meiner Meinung nach ist La Spezia völlig unterschätzt!

7. Der Golf der Poeten ist einfach hinreissend!

Der Golf von La Spezia trägt den Namen Golf der Poeten, weil sich hier Anfang des 19. Jahrhunderts einige englische Dichter wie Lord Byron und Shelley niedergelassen haben. Recht hatten sie! Denn egal von welcher Seite aus man den Golf betrachtet, die Ausblicke auf grüne Hügel im knallblauen Meer sind einzigartig. Besondere Blicke auf den Golf der Poeten hat man von den Orten Portovenere (15 km rechts von La Spezia) und Lerici (liegt gegenüber von Portovenere). Über beide Orte werde ich noch gesondert berichten. An dieser Stelle sei schon einmal so viel verraten: Portovenere ist ein echter Hingucker und ein adäquater Ersatz für einen Cinque Terre Besuch. Sowohl Portovenere als auch Lerici sind mit Booten oder mit Bussen gut erreichbar. Parkplätze sind in beiden Orten Mangelware und sehr kostspielig. Wer früh unterwegs ist bekommt jedoch auf jeden Fall noch ein Plätzchen. 

8. Alles so nah: Parma, Pisa, Genua!

Nach Pisa sind es knapp 90, nach Parma 124 und nach Genua 101 Kilometer.  Rund um La Spezia gibt es einiges an Sehenswertem zu entdecken. Auch ohne Auto, denn vom Bahnhof in La Spezia geht es überall hin nach Italien! Wenn es Euch an Zeit fehlt, lasst den schiefen Turm von Pisa wo er ist und fahrt nach Genua!!! Diese Stadt ist eine echte Überraschung. Enge dunkle Gassen, tolle Architektur, leckeres Essen, Hafenspelunken, schicke Einkaufsstraßen. Und das alles auf engstem Raum!