Kaiserin, Göttin, Stilikone - Livia Drusilla

Ehefrau von Kaiser Augustus, Mutter von Tiberius, Großmutter von Claudius,Urgroßmutter von Caligula, Ururgroßmutter von Nero. Reichlich viel Prominenz im familiären Umfeld von Livia Drusilla, deren Rolle in der römischen Geschichte weit über die Beteiligung an einem Stammbaum mächtiger Männer hinausgeht. 

 

Der Weg von Livia Drusilla auf die große Bühne der Weltgeschichte startet auf einer Geburtstagsparty. Sie ist 19 Jahre alt, mit einem Prätor verheiratet und hochschwanger mit ihrem zweiten Kind als sie einem der mächtigsten Männer Roms begegnet. Und ihm mit ihrer Schönheit den Kopf verdreht. Gaius Octavius gehört dem Triumvirat an, das nach Julius Caesars Tod die Geschicke des römischen Staates lenkt. Liebe auf den ersten Blick soll es gewesen sein. Zumindest von der Seite des Mannes aus, der später einmal unter dem Namen Augustus in die Geschichte eingehen wird. Weder die Tatsache, dass Livia vergeben und schwanger ist, noch der delikate Umstand, dass Gaius Octavius eigene Gattin ebenfalls froher Hoffnung ist, halten den Triumvir von dem Wunsch ab, Livia zu heiraten. Er trennt sich von seiner Frau und "bittet" den Mann von Livia um ihre Hand. Und weil man so einem mächtigen Mann nicht einfach einen Herzenswunsch versagen kann und weil Ehen zu dieser Zeit sowieso eher aus machtpolitischen Kalkül und dynastischen Schachzügen geschlossen werden als aus purer Liebe, führt Livia´s Ex-Mann sie sogar zum Altar. Und so entsteht 39 v. Chr. ein Power-Paar, das nicht nur 52 Jahre lang zusammen bleibt, sondern gemeinsam ein Weltreich in ein selbsternanntes "Goldenes Zeitalter" führen wird.

 

Octavius wird Princeps, der erste Mann im Staate, erhält bald den Ehrentitel Augustus, sorgt nach langen Jahren des Bürgerkrieges für Frieden und baut Rom zur spektakulären Bühne für seine Selbstinszenierungen um. Livia Drusilla hingegen wird zur Stilikone. Die römische Damenwelt trägt nach dem Vorbild der neuen Firstlady das Haar mit einer Stirntolle und im Nacken zum Knoten gebunden. Das lange Wollkleid mit Kapuze, in das sich Livia hüllt, wird zum Must-Have für alle tugendhaften Upperclass-Damen und modischer Ausdruck strengster Sittengesetze, mit denen Augustus die römische Gesellschaft auf moralischen Erneuerungskurs bringen will. Er führt die Zwangsehe ein, setzt eine Drei-Kind-Politik um, lässt Ehebruch mit hohen Strafen belegen und zwingt kinderlose Paare zur Scheidung.

 

Als Vorbilder für diese restriktiven Gesetze taugen jedoch weder Augustus noch Livia. Zwar stilisiert sie sich selbst zum Idealbild einer sittsamen, treuen und bescheidenen Ehefrau, die sogar selbst die Wolle für die Kleidung ihres Mannes spinnt, aber so bleibt zum Beispiel die Verbindung zwischen den beiden kinderlos. Die Söhne Tiberius und Drusus stammen aus Livias erster Ehe. Für das First-Couple ist der ausbleibende Nachwuchs jedoch kein Grund zur Scheidung. 

Neben solchen Sonderbehandlungen werden Livia Rechte zugestanden, von denen andere Frauen nur träumen können. So wird ihr "männliches Bewusstein" attestiert. Wichtige Voraussetzung um als Frau von der Vormundschaft befreit zu werden und über eigenes Vermögen zu verfügen. Von dem besitzt Livia einiges. Ihr gehört eine Kupfermine in Gallien, ein eigenes Bauunternehmen, mit dem sie zerstörte Tempelanlagen renovieren und Neue errichten läßt. Sie ist Herrin des kaiserlichen Haushaltes und besitzt eine eigene imposante Landvilla vor den Toren Roms. Außerdem fungiert Livia als politische Ratgeberin ihres Mannes, der ihre Intelligenz und Wortgewandtheit ebenso wie ihre Anwesenheit bei den Reisen durch das römische Reich schätzt. Trotz der offensichtlichen Liebe und des großen Respekts seiner Frau gegenüber, schafft Augustus es jedoch nicht die Finger von anderen Frauen zu lassen und verstößt in aller Regelmäßigkeit gegen seine eigenen Ehebruchgesetze. Einen Umstand den Livia nicht nur duldet. Sie entschließt sich sogar kurzerhand die Gespielinnen für ihren Mann nach eigenem Gusto auszusuchen. 

 

Mittlerweile ist Livia Drusilla zu einer der mächtigsten Frauen Roms geworden. All ihre Macht hilft ihr jedoch nicht bei der Lösung eines schwerwiegenden Problems. Sie hat Augustus keinen Erben geboren. Es sind nicht ihre eigenen Söhne sondern die Verwandtschaft ihres Mannes, die in die Fußstapfen von Augustus treten wird. Die Tatsache, das im Laufe der Jahre eine potentieller Erbe nach dem anderen teils unter mysteriösen Umständen verstirbt, bringt Livia den Ruf als intrigante Giftmischerin ein. Ob dieser dunkle Teil ihrer Lebensgeschichte nun der gruseligen Wahrheit entspricht oder nur üble Nachrede der späteren römischen Geschichtsschreibung ist, ist aus heutiger Sicht nur schwer zu beurteilen. Fakt ist jedoch, dass Livia am Ziel ihrer Träume angelangt, als Augustus ihren Sohn Tiberius adoptiert und so zum nächsten Thronanwärter macht. 

 

Im Jahr 14 n. Chr. stirbt Augustus in den Armen seiner Livia nach 52 Jahren langer Ehe. Für Livia beginnt eine neuer Abschnitt. Sie wird die Priesterin ihres eigenen Mannes, der vom Senat nach seinem Tod zur Gottheit erhoben wird. Dank seines großzügigen Erbes wird sie nicht nur die reichste Frau ganz Roms, sondern sie wird auch eine einflussreiche Kaisermutter. Zu einflussreich in den Augen des neuen Kaisers, ihres Sohnes Tiberius. Rom ist zu dieser Zeit nicht nur übersät von Statuen des Augustus. Nein, auch Livia Drusilla Konterfei ist allgegenwärtig. Nicht nur in Marmor gemeißelt sondern auf Münzen. Zudem verfügt sie über gut gepflegte politische Kontakte, die sie so geschickt zu nutzen weiß, dass sich nicht nur der eifersüchtige Tiberius fragt, wer der eigentliche Herrscher über Rom ist. Um sich ihrem Einflusses zu entziehen, verlässt er Rom gen Capri.

 

Im sagenhaften Alter von 86 stirbt Livia 29. n. Chr. Sie findet ihre letzte Ruhe bei ihrem Mann im Augustus-Mausoleum. Wie zerrüttet das Mutter-Sohn-Verhältnis gewesen sein muss, beweist der traurige Umstand, dass Tiberius in Capri weilt, während die Beerdigung stattfindet.  Als der Senat Livia wie zuvor Augustus zur Gottheit erheben will, verhindert Tiberius dieses Vorhaben.

Erst viele Jahre später wird Livia Drusilla auf Betreiben ihres Enkels Claudius zur Göttin, zur Diva Augusta, ernannt und geht damit auf Augenhöhe mit ihrem Ehemann in die Ewigkeiten der Weltgeschichte ein. 

 

 

Auf den Spuren von Livia Drusilla

Von Angesicht zu Angesicht

Im Palazzo Massimo alle Terme, einem der vier Standorte des Römischen Nationalmuseums, hat man die Gelegenheit im Erdgeschoss auf zwei Büsten von Livia zu treffen, an denen man die damals angesagte Nodus-Frisur bewundern kann. An ihrer Seite steht übrigens ihr Ehemann, der große Augustus, der sich über die letzten 2000 Jahre definitiv besser gehalten hat - zumindest was die Vollständigkeit seiner Gesichtszüge angeht. 

Das Gartenzimmer

Ebenfalls im Palazzo Massimo alle Terme allerdings im 2. Stock erwartet den Besucher das "Zimmer der Livia". Die Fresken mit üppigen Gartenmotiven stammen aus ihrer Villa vor den Toren Roms und sind schätzungsweise zwischen 20 - 30 v. Chr. entstanden. Entdeckt wurde der verblüffend gut erhaltene Raum jedoch erst 1863. Auf den bequemen Sitzsofas kann man mitten in den Zimmer Platz nehmen und sich der intensiven Betrachtung all der Fauna und Flora widmen. Inmitten all der Vögel, Büsche und Sträucher hat Livia mit Gästen gespeist, denn es handelt sich wohl um den Banketsaal ihrer Villa. 

Auf der Reise durch das Augustus-Forum

Von April bis Oktober wird das Augustus-Forum allabendlich mit einem Multimedia-Spektakel zum Leben erweckt. Während auf den Ruinen der Anlagen der Komplex in all seinen Facetten anschaulich rekonstruiert wird, gibt es für die Besucher auf der Holztribüne über Profi-Headsets interessante Details über diesen einst prachtvollen Ort und die Zeit zu erfahren, in der auch Livia hier lebte. Sie selber spielt leider keine große Rolle bei den abendlichen Vorführungen. Der Focus liegt eindeutig auf dem Namensgeber des Forums, ihrem Ehemann Augustus. Dennoch kann ich den Besuch der "Viaggio nei Fori" wirklich empfehlen! Es ist ein faszinierendes Erlebnis in einer lauen Sommernacht unter römischen Sternenhimmel zu sitzen und zuzuschauen wie tote Steine zur Leinwand ihrer eigenen turbulenten Geschichte werden. Es finden drei Vorstellungen am Abend statt. Tickets kann und sollte man online reservieren

 

 

Das Theater des Marcellus

Um vorab einmal die Verwandtschaftsverhältnisse zu klären: Marcellus war nicht nur der Neffe von Augustus, sondern auch sein Schwiegersohn, der ihn auf einigen Feldzügen begleitete.  So eng miteinander verbandelt wurde Marcellus schnell als Nachfolger von Augustus gehandelt. Bis zu seinem plötzlichen Tod. Ob der nun einer grassierenden Epidemie geschuldet war oder doch den Giftmischerkünsten von Livia, die einen ihrer Söhne als römischen Kaiser sehen wollte, sei einmal dahin gestellt. Auf jeden Fall bedauerte Augustus den Tod seines Neffen so sehr, dass er ihm noch 10 Jahre später ein Theater in Rom widmete. Es war das Größte in Rom seiner Zeit und bot Platz für 15.000 - 20.000 Zuschauer. Genutzt wurde das Theater des Marcellus im Laufe der Jahrtausende für diverse Zwecke. Als Steinbruch, als Festung und immer noch als Wohnstätte. In dem auf das Theater konstruierte Gebäude befinden sich sehr begehrte Wohnimmobilien. Einen besonders schönen Ausblick auf das Marcellus Theater hat man übrigens von der Aussichtsterrasse des Vittoriano, dem schneeweißen Nationalmonument an der Piazza Venezia. Atmosphärisch unvergleichlich sind die klassischen Konzerte, die in den Sommermonaten hier unter römischen Sternenhimmel stattfinden.  

Teatro di Marcello, Via del Teatro di Marcello 

 

Das Haus der Livia auf dem Palatin

Zur Zeiten der alten Römer war der Palatinhügel ein beliebter Wohnort der antiken Upper-Class. Nachdem der große August dort residierte hatte, taten es ihm folgende Kaiser gleich. Einen ausgesprochen schönen Blick hat man auf die immer noch imposanten Ruinen der Kaiserpaläste übrigens vom Circus Maximus aus. Das "Haus des Augustus" und das "Haus der Livia" wurden nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten der Öffentlichkeit im Jahr 2014 zugänglich gemacht. Seitdem gilt die größte Sorge der Archäologen dem Atem der Besucher und dessen schädliche Auswirkung auf die kostbaren Wandgemälde (30 v. Chr.) des Wohnkomplexes. Schon mehrfach wurde die Casa di Augusto und die Casa di Livia für den Zutritt der Öffentlichkeit gesperrt. Zur Zeit darf man in kleinen Gruppen (max. 20 Personen) und nur nach Voranmeldung zu bestimmten Uhrzeiten an den Ort, an dem Livia ihren privaten Bereich im Kaiserhaushalt hatte. Mit einem 2 Tage gültigen Ticket (12 EUR) hat man Zugang zum Kolosseum, dem Palatin und dem Forum Romanum. Der Eintritt ins Haus des Augustus und der Livia schlagen zusätzlich nochmal mit 4 EUR zu Buche. Geführte Touren auf Englisch gibt es an den Wochenenden und an Feiertagen für 9 EUR. Aktuelle Infos finden Sie hier