Eine Frau, die der Welt das Fürchten lehrt - Mary Shelley

Ich hatte keine Ahnung, dass eines der bedeutensten Werke der Science-Fiction-Weltliteratur aus der Feder einer Frau stammt. Ich musste erst über ihren Mann stolpern, um auf Mary Shelley die Verfasserin von "Frankenstein" aufmerksam zu werden. Was aber verbindet eine phantasiebegabte junge englische Schriftstellerin mit Rom? Da fange ich am Besten einmal ganz von vorne an...

Mary Shelley wurde 1797 als Tochter einer Frauenrechtlerin und eines anarchistischen Philosophen geboren. Man könnte fast meinen ihr Hang zu einem rebellischen Lebensstil wäre der jungen Mary bereits in die Wiege gelegt worden. Mit 16 Jahren verliebt sie sich Hals über Kopf in den verheirateten Schriftsteller Percy Bysshe Shelley. Er ist Anhänger der Ideen ihres Vaters, fordert die Abschaffung der Aristokratie, die Umverteilung der Vermögen und Wahlrecht für Frauen. Er ist Atheist und Vegetarier und befürwortet die freie Liebe. Quasi ein Hippie des 18. Jahrhunderts! Mary brennt mit diesem Enfant terrible der besseren Englischen Gesellschaft, diesem Revoluzzer, durch! Ihre erste kleine Reise durch Europa dauert nur wenige Monate bleibt jedoch nicht ohne Folgen. Sie kehrt schwanger nach England zurück. Ihre Tochter wird nur wenige Wochen alt werden. Nicht der erste und letzte schwere Schicksalsschlag in Mary Shelleys Leben. Ihre Mutter starb kurz nach ihrer Geburt und von ihren vier geborenen Kindern, wird nur eines das Erwachsenenalter erreichen.

 

1816 ist das Jahr,in dem die Idee zu Frankenstein geboren wird. Mary reist mit ihrem kleinen  Sohn William und ihrem Geliebten Percy durch die Schweiz, wo sie regelmäßige Gäste des britischen Dichters Lord Byron am Genfer See sind. Der ist zwar bereits zu Lebzeiten ein bekannter und erfolgreicher Dichter der Romantik, kann mit seinem provokanten Auftreten und seinen extravaganten Ansichten, die keiner gängigen gesellschaftlichen Norm entsprechen, auch nicht mehr auf der Insel leben, ohne um sein Leben zu fürchten. 

Bei schlechtem Wetter trifft sich die kleine Gesellschaft, um sich Schauergeschichten zu erzählen. Und so soll in der Schweiz nicht nur die Kurzgeschichte "Vampyr" (von John Polidori) die spätere literarische Vorlage für den Weltklassikers "Dracula" von Bram Storker entstanden sein, sondern auch die Geschichte über einen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen ein Wesen erschafft, das es sogar einmal auf die Filmleinwand schaffen wird. Das Buch "Frankenstein" wird im Jahr 1818 zum ersten Mal erscheinen. Allerdings anonym, weil Werke aus einer weiblichen Feder verpönt sind. Und da Percy Shelley das Vorwort verfasst hat, wird er für eine ganze Weile für den Autor gehalten. Erst im Jahr 1931 wird das Buch unter dem Namen Mary Shelley veröffentlicht. 1816 steht dann noch ein freudiges Ereignis für Mary an. Sie und Percy heiraten. Allerdings ist ihr Geliebter unter äußerst unschönen Bedingungen frei geworden. Seine Frau hatte sich in einem See ertränkt.

 

Zwei Jahre später entfliehen die Shelleys mit einigen Freunden der gesellschaftlichen Ächtung auf der britischen Insel nach Italien. Im Frühjahr 1819 kommen sie in Rom an und Mary schreibt:"Rome repays for everything." Fasziniert zieht sie durch die Stadt und die Ruinen der römischen Antike. Während Percy es besonders die Ruinen der Caracalla-Thermen angetan haben, schwärmt Mary vom Kapitolhügel und dem Reiterstandbild Marc Aurels. Zur Osterzeit ist Rom voll mit Pilgern, aber auch mit adligen und reichen Engländern, die sich auf der Grand Tour, einer Bildungsreise durch Italien, befinden. Genau die Klientel, von der die Shelleys aufgrund ihres Lebensstils und politischen Einstellung in ihrer Heimat geächtet worden sind. Aber es befinden sich auch genug englische Künstler in der Ewigen Stadt, die wie die Shelleys selbst vom britischen Kontinents geflohen sind. Mary schließt schnell enge Freundschaft mit einer Engländerin. Um in ihrer direkten Nähe sein zu können, ziehen die Shelleys von ihr Unterkunft auf der Via del Corso mitten ins sogenannte "Engländer-Viertel" rund um die Spanische Treppe. Nach dem Tod ihrer zweiten Tochter in Venedig, gibt es für die Shelleys frohe Botschaft in Rom. Mary ist erneut schwanger. Nachdem Mary bereits zwei Kinder verloren hat, ist sie in großer Sorge um die Gesundheit des ungeborenen Nachwuchses. Sie beschließen vor der Malaria-Zeit im Sommer die Stadt gen Norditalien zu verlassen. Die Abreise wird jedoch mehrfach verschoben, weil Bekannte nach Rom kommen, die sie nicht verpassen möchten. Dann ganz plötzlich bekommt ihr Sohn William schweres Fieber und stirbt. Nach der Beisetzung auf dem Protestantischen Friedhof, verlässt die Familie Rom im Juni 1819. 

Percy Florence Shelley kommt in Florenz zur Welt. Der Junge hilft seiner Mutter ein wenig über die Depressionen hinweg, an denen Sie seit dem Tod ihrer ersten Tochter immer wieder leidet. In ihrer Ehe ist Mary zunehmend unglücklich. Percy ist nicht nur in der Theorie Anhänger der freien Liebe, während Mary mit dieser offenen Art der Beziehung weniger gut klar kommt. 1822 folgt ein erneuter Schicksalsschlag. Percy Shelley kommt bei einem Segelausflug in der Toskana ums Leben. Er wird neben seinem Sohn William in Rom beigesetzt. Mary kehrt zurück nach England, verlegt die Werke ihres Mannes, unternimmt mit ihrem Sohn zwei große Europareisen, schreibt Theaterstücke, Novellen und Reiseberichte. Mary Shelley stirbt im Alter von 48 Jahren im Jahre 1851 in London. 

Auf den Spuren von Mary Shelley in Rom!

Auch wenn die englische Schriftstellerin nur einige Monate ihres Lebens, dass ob der vielen Schicksalsschläge selbst wie ein Horrorroman anmutet, in Rom verbracht hat, gibt es einige bitter-süße Orte, an denen man ihr noch nach über 200 Jahren nahe kommen kann. Und dem Rom, der Grand Tour, einem verheißungsvoller Ort für europäische Künstler und der Antike verfallene Adlige, die durch die frei zugänglichen Überbleibsel der antiken Römer streiften und malten, dichteten und sich bildeten.  

Palazzo Verospi

Die erste römische Unterkunft der Shelleys war ein nobler Stadtpalast auf der Via del Corso (374). Die Plakette an der Hauswand erinnert allerdings nur an Marys Gatten, der an dieser Stelle an zwei seiner wichtigsten Werke gearbeitet (Prometheus Unbound und The Cenci) haben soll. Unerwähnt bleibt, dass Mary ihren Mann auch bei diesen beiden Arbeiten nicht nur moralisch sondern auch inhaltlich unterstützt hat...

Keats-Shelley-House

In dem Haus an der Spanischen Treppe, in dem einst John Keats, mit nur 25 Jahren an Tuberkulose verstarb, befindet sich heute ein kleines Museum, das den englischen Romantikern gewidmet ist, die meist nur eine kurze, aber nicht ganz unbedeutende Zeit ihres Lebens in Rom verbracht haben. Neben Zeichnungen,Totenmasken, Haarlocken, Manuskripten und einigen Büsten, findet man hier auch tatsächlich in einem kleinen Raum einen handgeschriebenen Brief von Mary...

Piazza di Spagna 26, Eintritt 5 Euro, Öffnungszeiten.

Cimitero Cestio

Marys Mann und ihr Sohn wurden außerhalb der römischen Stadtmauer auf dem Friedhof für Protestanten beigesetzt. Der Cimitero Cestio liegt im Schatten eines außergewöhnlichen römischen Bauwerkes. Der Pyramide des Cestius, die selbst einmal als Grabstätte für einen römischen Volkstribun errichtet worden war und dann später einfach in die Aurelianische Stadtmauer mit eingebaut wurde. Seit dem 18. Jahrhundert haben auf dem Friedhof eine Vielzahl nichtkatholischer Ausländer hier auf einer Wiese oder unter hohen Zypressen und Pinien ihre letzte Ruhe gefunden. Neben den Gräbern der beiden englischen Dichter der Romantik Percy Shelley und Johns Keats, trifft man hier auf die Grabsteine von August von Goethe oder Hendrik Christian Andersen. Mehr Infos.