Aufgeschnappt! Römische Busgespräche Part II

Buslinie 990 in Richtung Piazza Cavour, an einem Mittwoch, 8.45 Uhr 

Der Bus hält an einer Haltestelle, direkt neben drei eng stehenden bulligen Müll- containern. Beim Öffnen der hinteren Türen kann sich eine Seite nicht komplett ausfahren, weil der erste Müllcontainer in der Reihe sie aufhält. Ein piepsendes Warngeräusch veranlaßt den Busfahrer gemächlich seinen Platz zu verlassen und einmal um den Bus an den hinteren Bereich zu gehen. Nach einer Weile hört man für eine Weile kräftiges Rumpeln, Quietschen und lautes Stöhnen. Dann begibt sich der Fahrer abermals im Schlendertempo wieder auf seinen Platz und fährt weiter. 

Eine Businsassin dreht sich zu mir und meiner Sitznachbarin um. "Hat er jetzt etwa die Müllcontainer weggeschoben?" Meine Sitznachbarin und ich nicken im gleichen Takt. "Warum ist er nicht einfach ein Stück nach vorne gefahren, statt die ganzen schweren Müllcontainer wegzuschieben?", kommt nun die Frage von vorne. "Das wäre zu einfach gewesen", schätze ich. "Und zu logisch", fügt meine Sitznachbarin hinzu, während die Dame vor uns plötzlich in prustendes Gelächter ausbricht. 

"Ich fasse es nicht. Anstatt vorwärts zu fahren, macht er diesen Aufwand mit den Mülltonnen. Ein Hoch auf die Intelligenz." Sie wischt sich ein paar Tränen weg und ringt um Fassung. "Was man alles in dieser Stadt erlebt. Manchmal weiß ich nicht ob es an der Intelligenz oder Ignoranz der Menschen hier liegt." "An beidem", kommt es bei von meiner Seite. "Letzte Woche fahre ich über eine Kreuzung. Ich habe Grün und trotzdem kommt jemand von rechts und fährt mir in den Kotflügel. Ich schreie ihn an: Sie hatten Rot! Und er antwortet mir: Na und! Seit wann muss man bei Rot stehen bleiben! Das ist ja wohl dumm und ignorant." Die Dame vor uns legt noch eine Geschichte drauf. "Ich wohne in einer Einbahnstraße. Letztes Mal kommt mir ein Herr mit seinem Wagen entgegen und regt sich über mich auf, obwohl er gegen die Fahrtrichtung fährt. Ich solle doch bitte schön rückwärts fahren. Er wolle nach Hause. Ich habe ihn dann auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass er gerade eine Verkehrsregel bricht und nicht ich. Ob ich denn glauben würde, dass er so blöd sei jeden Tag diesen riesigen Umweg zu machen und außen rum zu fahren, wenn er doch entgegen der Einbahnstraße viel schneller nach Hause käme, lautete die Antwort. Da ist mir nichts mehr eingefallen." Wir lachen ein bißchen gemeinsam vor uns hin, während mich die zwei Damen immer erwartungsvoller anschauen. Ok. Jetzt bin ich also mit einer absurden Geschichte aus dem römischen Straßenverkehr dran. Ich schüttele bedauernd den Kopf: "Ich bin Ausländerin, wenn ich solche Geschichten über Römer erzähle findet das keiner mehr lustig." "Woher kommen Sie denn?" "Deutschland", sage ich. Auf einmal haben die beiden Damen Sorge mit ihren Erfahrungsberichten aus Rom "brutta figura" (schlechten Eindruck) gemacht zu haben. Und zwar nicht sie persönlich, sondern Rom und dazu noch ganz Italien. Außerdem vermuten sie, dass das römische Chaos für mich als ordnungsgewöhnte Deutsche besonders schlimm sein muss. Meine Beteuerungen dem leicht anarchistischen Flair in Rom durchaus etwas abgewinnen zu können, tun die Damen als reine Höflichkeit ab. Erst als ich erzähle, dass in Deutschland auch nicht alles so perfekt abläuft und es dabei noch oft regnet und es sowie keine deutsche Stadt gibt, die so außergewöhnlich ist wie Rom, gerät die Sache mit der "brutta figura" in Vergessenheit. Bei dem "Buona giornata", das sie mir an der nächsten Haltestelle wünschen, höre ich fast schon so etwas wie Mitleid für mich arme Deutsche heraus!